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Schweiz-Erklärer Peter von Matt: «Dieser Hochmut ist das Problem»

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Der renommierte Germanist Peter von Matt über den Doppeladler-Streit, die verbaute Innerschweiz und die Arroganz gegenüber Europa.

Als wir Peter von Matt am Dienstag den Besuch in einer Cafeteria vorschlagen, winkt er ab. Er möchte das Gespräch in einem «langweiligen Sitzungszimmer» führen. Als wir ihm den Gefallen tun, amüsiert ihn ein Schild an der Tür: «Bitte den Konferenzraum ordentlich verlassen.» Tatsächlich – der Satz ist deutsch, verfehlt aber seinen Kern: Gemeint ist wohl, dass der Raum in ordentlichem Zustand bleiben soll, nicht dass er auf ordentliche Art und Weise verlassen werden muss. Wir begreifen: Der 81-Jährige gebraucht Sprache nicht nur. Er lebt sie.

Am Mittwoch ist Nationalfeiertag. Können Sie damit etwas anfangen?
Peter von Matt: Der erste August ist eine solide Tradition, aber nichts Aufregendes. Als Kind war das für mich wahnsinnig schön – das Feuerwerk, das Fest, die Ferien. Wir waren mit der Familie immer in unserem Häuschen auf dem Brünigpass. Aber sonst hat dieser Brauch für mich keine emotionale Bedeutung mehr. Ich habe keine Beziehung zu Raketen.

Sie werden nirgends auftreten oder den 1. August feiern?
Nein.

Immerhin hielten Sie schon eine 1.-August-­Rede auf dem Rütli.
Das war 2009. Ich wollte diese Einladung nicht ausschlagen. Das war dann auch sehr schön. Ich glaube jedoch nicht, dass der 1. August für den Schweizer Durchschnittsmenschen eine grössere Bedeutung hat. Eher für Politiker, die sichtbar werden wollen.

Gibt es für den Durchschnittsschweizer andere nationale Symbole von Bedeutung?
Ich kenne den Durchschnittsschweizer nicht. Aber er denkt vorwiegend kantonal, nicht national. Er hat die Symbole seiner Gegend. Für den Appenzeller zum Beispiel ist es der Säntis. Nur beim Berner ist es schwierig.

Wie meinen Sie das?
Die Berner haben ein sehr grosses kantonales Ego. Die haben das Gefühl, so etwas wie Bern gebe es sonst nicht auf der Welt. Einer sagte mir einst: Wissen Sie, nur wir Berner sprechen einen richtigen Dialekt.

Und jetzt haben sie noch den Fussball-Meistertitel. Das tut ihnen nicht gut.
Doch, doch. Sie haben es verdient! Aber vor allem den Baslern tat das gut.

Da sind wir uns einig. Fühlen Sie sich als Nidwaldner? Oder Zürcher?
Ich bin in Nidwalden aufgewachsen und habe mich damals mit der Innerschweizer Welt identifiziert. Jetzt bin ich in Zürich. Mich fasziniert diese Stadt. Ich bin mit ihr verbunden; ich kann hier arbeiten und Ihnen jetzt dieses Interview geben. Meine Herkunft bleibt dabei in mir lebendig – obwohl es für mich jedes Mal ein Horror ist, wenn ich wieder nach Nidwalden gehe.

Weshalb?
Die Überbauung. Das war einmal eine so ungeheuer schöne Landschaft – die grosse Ebene mit den Bauerngütern, Apfelbaumplantagen und den Seeufern auf jeder Seite. Heute ist das von einer gesichtslosen Architektur überschüttet, als ob man einen Sack ausgeleert hätte. Wenn ich dort bin, ziehe ich den Kopf ein. Nur die Dorfmitte ist noch ursprünglich. Aber ich bin mir bewusst, dass das vorbei ist, eine sentimentale Erinnerung.

Sie beschreiben eine Folge der Tiefsteuerpolitik – sind Sie wie das von Ihnen beschriebene Kalb vor der Gotthardpost von der rasenden Entwicklung der Moderne überwältigt?
Das ist nicht nur der tiefe Steuerfuss; es ist das Unvermeidliche, das in der ganzen Schweiz passiert. Nidwalden braucht ja die KMU und die kleinen Fabriken. Denn die Flugzeugwerke sind der grösste Arbeitgeber im Kanton, was ein Klumpenrisiko ist. Da muss man Gegensteuer geben. Das ist der Gang der Zivilisation. Das Gegenteil wäre eine Verarmung und Verlumpung, was wir auch nicht wollen.

Sorgt das Unbehagen gegenüber dieser Entwicklung für die steigende Beliebtheit der Schweizer Brauchtümer?
Das kann ich nicht sagen. Ich bedaure allerdings, dass ich nirgends in der Zeitung lese, wie am Wochenende das Hornussen ausgegangen ist. Es gibt ja ein paar Gemeinden in der Schweiz, in denen es gepflegt wird – ich hab das Hornussen leider nie gesehen. Statt immer von denselben Tennisspielern – die hängen mir aus dem Hals raus – würde ich lieber von den Siegern und Verlierern des Hornussens lesen.

Wenn wir von Identitäten reden …
Ich habe etwas gegen den Begriff Identität. Was bedeutet er? Alle verwenden ihn, aber niemand kann ihn definieren. Wenn man den Begriff nicht gebraucht, muss man viel präziser reden.

Worum geht es denn beim Konflikt um die albanischstämmigen Spieler der Schweizer Fussballnationalmannschaft?
Ich habe den WM-Match gegen Serbien gesehen. Und habe grossartig gefunden, wie die getschuttet haben. Dann zeigten die Spieler diese Doppeladler-Geste. Dass der Schweizer Kommentator, der auch sonst nicht der spannendste ist, dann nur noch davon redete, hat mich masslos geärgert. Ich habe die Geste kaum bemerkt, sie war mir auch egal. Ich bin überzeugt: Wenn die Spieler für ihre Leistung so gefeiert worden wären, wie sie hätten gefeiert werden müssen, hätten sie den nötigen Drive gehabt, um die Schweden im Achtelfinal zu besiegen. Ich fand diese Diskussion so füdlibürgerlich, so richtig schweizerisch-moralisch.

Was hätten die Verantwortlichen tun müssen?
Die Funktionäre hätten nach dem Spiel mit den Spielern reden sollen: Macht das nicht mehr, aber ihr seid wahnsinnig gut! Ich sehe übrigens nicht ein, weshalb diese Geste ein Verbrechen sein soll. Granit Xhaka stammt von dort, also hat er dort einen emotionalen Fuss drin. So ist man halt. Das sind biologische Strukturen und Steuerungen. Stattdessen entfachte der Verband eine Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft.

Darf man nicht darüber diskutieren?
Natürlich. Aber wenn die Eidgenossenschaft die doppelte Staatsbürgerschaft gestattet, muss sie auch in Kauf nehmen, dass die Leute daran Freude haben.

Ignazio Cassis hat vor dem Amtsantritt als Bundesrat seinen italienischen Pass abgegeben.
Das ist etwas anderes. Er ist Mitglied der Regierung. Der Schweizer Aussenminister kann nicht mit Italien verhandeln, wenn er gleichzeitig Italiener ist.

Wenn man das Europadossier betrachtet, hat er sowieso keinen leichten Stand …
Das Problem ist dieser seltsame Hochmut gegenüber der Europäischen Union, der in der Schweiz flächendeckend verbreitet ist. Diese höhnische Freude über alle neuen Probleme, die Brüssel hat, ist politisch unterbelichtet und menschlich stillos. Aber es läuft eben seit etwa 30 Jahren eine politische Propaganda gegen die EU in unserem Land, aus rein parteitaktischen Gründen. Sie wird zum Feind der Schweiz stilisiert – dabei will die EU weder uns noch Norwegen auffressen!

Internationale Politik ist immer Interessenpolitik. Brüssel ist auch nicht zimperlich.
Die EU ist kein Staat, sondern ein Verein autonomer Staaten. Dieser hat seine Interessen und setzt sich dafür ein. Alle Mitglieder sind freiwillig beigetreten. Die EU als aggressiv zu verteufeln, ist irrational und in hohem Grad gefährlich, weil das die Lösung ernster Prob­leme verhindert. Das Gefährlichste aber ist die weitverbreitete Vorstellung, der Schweiz könne nichts passieren. Dabei hatten wir immer sehr viel Glück. Amerika hat nach dem Krieg ganz Westeuropa wirtschaftlich aufgerüstet. Die westeuropäischen Länder kamen langsam in einen Boom …

… und die Schweiz hatte einen Startvorteil, weil ihre Industrie noch intakt war.
Genau. Aber die Schweizer meinen, es sei alleine ihr Verdienst, dass es uns so gut geht. Kein Land hat in den letzten 200 Jahren so viel Schwein gehabt wie die Schweiz. Wären die Deutschen am Anfang des Ersten Weltkriegs durch die Schweiz statt durch Belgien nach Frankreich marschiert, wären Basel und Zürich bombardiert worden, so wie damals Löwen und Reims durch die Deutschen bombardiert wurden. Ich verstehe nicht, warum man immer dieses Grenzgefühl gegenüber den andern auf dem Kontinent hat.

Grenzgefühl?
Die Schweiz hat keine Nachbarschaftskultur. Ein so kleines Land müsste doch politisch eine Nachbarschaftskultur entwickeln: Wir und die Franzosen, wir und die Württemberger, wir und die Vorarlberger. Aber das fehlt meines Wissens.

Ihre Erklärung?
Das ist eine alte Bauernmentalität, das Misstrauen gegen alles Fremde. Das ist in der Schweiz biologisch noch vorhanden. Ich gehöre zu der Minderheit, die auf der Vaterlinie bis ins 18. Jahrhundert zurück keinen Bauern hat.

So lange kann der Hochmut ja nicht her sein.
Das stimmt. Ich hatte noch Schulkollegen, deren Familien aus Armut nach Südamerika auswanderten. Und bevor 1948 die AHV kam, war die Existenz der Bergbauern schauerlich! Ich hab das als Bub selber erlebt, als ich einmal bei einer Familie auf Besuch war: Die tranken einen dünnen Tee mit etwas Zucker. Die ganze Milch mussten sie verkaufen, um zu überleben. Darum ist dieses Schweizer Überlegenheitsgefühl eine Gefahr. Das ist gefährlich, weil es eine Verblendung ist, und jede Verblendung führt zu falschen Hand­lungen.

Orten Sie diesen Hochmut auch in der Politik? Im Herbst stimmen wir über die Initiative «Schweizer Recht statt fremde Richter» ab.
Was soll der Begriff «Fremde Richter»? Die Schweiz ist seit 1974 Mitglied der Europäischen Menschenrechtskonvention und stellt dort selber eine Richterin. Fremde Richter ist ja eine Verkitschung, die auf die Zeit des Rütlischwurs zurückgeht. Von Fremden Richtern kann man an ­einer 1.-August-Rede sprechen. Aber nicht, wenn es um klare politische Zusammenhänge geht. Sonst wäre für mich ja schon ein Berner ein fremder Richter. Dieser Kitschbegriff verflüchtigt sich, wenn man ihn ganz genau beschreibt.

In solchen Debatten hört man von den Schweizer Kulturschaffenden wenig …
Wissen Sie, man erwartet von den Schriftstellern immer, dass sie sich politisch einmischen. Davon halte ich nichts. Autoren sollen dann politisch auftreten, wenn sie etwas zu sagen haben, was sonst niemand sagt. Jetzt müsste ich Autorinnen und Autoren sagen, aber das kann ich nicht.

Sie haben Mühe mit dem Binnen-I?
Ich finde es barbarisch.

Es ist doch legitim, die Gleichstellung auch in der Sprache zu verwirklichen.
Sicher. Aber das ist eine stilistische Aufgabe, keine technizistische. Es funk­tioniert in der Beamtensprache, aber nicht in ­einem verantworteten literarischen oder journalistischen Text. Mechanisch kann man das Pro-blem nicht lösen. Es braucht eben ein bisschen sprachliche Fantasie. Man kann ja abwechseln. Einmal sagt man die Schweizerinnen und Schweizer, dann die Stimmberechtigten, dann das Stimmvolk etc. Sonst landen wir zuletzt (von Matt diktiert Buchstaben für Buchstaben) bei den BauÄuErInneN.

Sie sind selbst ein gefeierter Autor. Wie viele Preise haben Sie schon erhalten?
Da müsste ich zu Hause nachschauen.

Es dürften sehr viele sein – letztes Jahr gab es schon wieder einen!
Der Volksmund sagt: Der Teufel scheisst immer auf den gleichen Haufen.

Soll zuweilen der Preisträger den Preis aufwerten statt umgekehrt?
Preise ehren immer auch ihre Institution. Das ist ­legitim. Ich war schon in etlichen Jurys. Da fahren jeweils die unterschiedlichsten Argumente durcheinander. Aber ich habe nie erlebt, dass das Ergebnis schon am Anfang feststand. Solche Jurys bestehen ja in der Regel auch aus eigenwilligen Köpfen.

Es gab eine Polemik um den Schweizer Buchpreis. Schriftsteller Lukas Bärfuss hat gefordert, den Preis abzuschaffen.
Ich bin da anderer Meinung. Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband und der Verein Literatur Basel haben diesen Preis gemeinsam gestiftet und lassen ihn von einer Jury vergeben. Das ist legitim, wieso sollten sie das nicht dürfen? Der Name des Preises ist kein geschützter Begriff. Ich war in der Jury des deutschen Friedenspreises. Der wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestiftet. Dessen Vorsteher ist auch Vorsitzender der Jury. Die beiden Preise sind von der Struktur her also sehr ähnlich. Und beide sind äusserst erfolgreich. Dass sie dadurch auch dem Buchhandel dienen, geht in Ordnung, denn in gleichem Masse dienen sie den Autoren und den Leserinnen und der Sprachkultur in den deutschsprachigen Ländern. Einen Literaturpreis zu schaffen, der die höchste Aufmerksamkeit aller Medien geniesst, ist heute extrem schwierig. Dass es in Basel gelungen ist, ist immer noch sensationell.

Sitzen Sie derzeit wieder an einem neuen literarischen Projekt?
Ich sitze immer an etwas. Nächstes Jahr sind Jubi­läen anstehend: Gottfried Keller zum Beispiel und Carl Spittelers Literatur-Nobelpreis 1919. Mit beidem habe ich ein bisschen zu tun und hirne jetzt da­ran herum. Und dann kommen auch immer wieder Leute, die ein Interview wollen …





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