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SP und FDP wollen die Schweiz zurückerobern: Heimat ist … wenn alle sich darum streiten

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Heimat – zumindest in der politischen Debatte hat diesen Begriff die SVP für sich gepachtet. Nun machen sich ausgerechnet FDP und SP daran, ihn zurückzuerobern.

Heimat – diese Domäne war politisch in den letzten Jahren von der SVP besetzt. Sie trumpfte mit Fahnenschwingern, Treichlern und Alphornbläsern auf. Noch immer wird an jeder Delegiertenversammlung zuallererst der Schweizerpsalm gesungen, zum Zmittag gibt es Fleischkäse, Ghackets mit Hörnli oder Papet vaudois.

Schon vor zehn Jahren war das Parteiprogramm mit «Mein Zuhause – Unsere Schweiz» überschrieben. Und auch im Wahlkampf 2019 werden die «Froue und Manne» von Parteichef Albert Rösti (50) voll auf Heimat setzen. Im neuen Parteiprogramm, das im Herbst verabschiedet wird, wird ihr gar ein eigenes Kapitel gewidmet.

«Heimat teilen alle»

Doch diesmal hat die SVP Konkurrenz in Sachen Heimat bekommen – und zwar von unerwarteter Seite: Die internationalistische SP und die globalisierungsfreundliche FDP machen der konservativen Sünneli-Partei die Heimat streitig. Sie wollen sie im Wahljahr zurückerobern.

Der Freisinn wird explizit unter dem Motto «Heimat» auf Wählerfang gehen, wie Chefin Petra Gössi (42) im BLICK-Interview ankündigte. «Heimat ist eine Emotion, die alle Schweizer teilen», erklärt Generalsekretär Samuel Lanz (35) die Überlegung dahinter. Sie stelle nationalen Zusammenhalt und Identität her. Da liege es für eine Partei nahe, an dieses Gefühl zu appellieren.

Heimatlosigkeit war ein «kapitaler Fehler»

Lanz verhehlt nicht, dass die FDP damit auf aktuelle Entwicklungen reagiert. «In Zeiten der Hyper-Globalisierung haben viele Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit», sagt er. Das würden die nationalistischen und protektionistischen Tendenzen in den USA, aber auch in Europa zeigen. «Liberale Politik muss darauf eine Antwort finden.» Es sei ein «kapitaler Fehler» gewesen, das Gefühl Heimat 20 Jahre lang zu vernachlässigen.

Doch die freisinnige Heimat findet sich nicht in der Rütlischwur-Schweiz der SVP. «Heimat hat für uns nicht nur mit Heidi und Wilhelm Tell zu tun», sagt Lanz. Für den Freisinn sei Heimat eine Vision – die «Vision einer Schweiz, die Chancen für jeden bietet», so der Generalsekretär. Welche Chancen das sind, wird derzeit von der Parteispitze erarbeitet. Doch Lanz verspricht: «Wir werden Heimat im Wahlkampf mit liberalen Inhalten füllen.»

«Man darf Freude haben, Schweizer zu sein»

Auch in der SP, wo «Die Internationale» öfter angestimmt wird als der Schweizerpsalm, regt sich Patriotismus. «Heimat ist ein wichtiges Thema», sagt Vizepräsident Beat Jans (54). «Man darf Freude daran haben, Schweizer zu sein.»

Der Basler arbeitet derzeit am Buch «Heimat für Linke», das im Wahljahr erscheinen soll. Einer der Autoren: SP-Doyen Helmut Hubacher (92). Doch auch die Genossen beschwören darin nicht Tell und Winkelried. Die konservative Verklärung zum Bauern- und Sennenland «mache  aus der Schweiz etwas, das sie gar nie war», sagt Jans, der selber gelernter Landwirt ist. Für ihn sind Heimat das politische System und die funktionierende Infrastruktur – Errungenschaften, die die Linke ermöglicht habe.

Können Linke Patrioten sein?

Allerdings: Nicht alle Genossen hissen nun die Schweizer Fahne. Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth (32) sprach sich in der «Schweiz am Wochenende» gar gegen «linken Patriotismus» aus. SP-Chef Christian Levrat (48) sieht das anders: Er bezeichnet sich freimütig als Patrioten. Und Jans findet, die Linke dürfe nicht einfach ignorieren, dass die Globalisierung das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Halt geweckt habe. «Der Auftrieb der rechtspopulistischen Parteien, auch die Wahl Donald Trumps, ist letztlich genau darauf zurückzuführen», gibt er sich selbstkritisch.

Man müsse dieser konservativen Meistererzählung etwas entgegensetzen: «Heimat hat nicht nur mit Landesgrenzen und Abschottung zu tun. Und es heisst auch nicht, besser zu sein als die anderen.»

«Heimat ist kein Schönwetterprogramm»

Es zeigt sich: Letztlich füllen SVP, FDP und SP ihr Parteiprogramm in den Heimat-Begriff. Nicht anders auch Grüne, CVP, BDP und GLP. Während die der Umweltbewegung entstammenden Grünen in der Heimat vor allem den Lebensraum und die Natur sehen, fokussiert die geschichtsträchtige CVP auf Tradition, christliche Werte und ihre Rolle als vermittelnde Partei – ihr Leitbild ziert der Satz: «Wir halten die Schweiz zusammen.»

Die SVP schaut dem Treiben der politischen Konkurrenz derweil gelassen entgegen. «Wenn FDP und SP den Heimat-Begriff entdecken, dann freut uns das», so Nationalrat Peter Keller (47), der für das neue SVP-Programm verantwortlich ist. Er frage sich allerdings, wie ein Bekenntnis zur Heimat Schweiz vereinbar sei mit einem EU-Rahmenvertrag. «Heimat ist kein Schönwetterprogramm – mal schauen, wie regentauglich der neu entdeckte Patriotismus von FDP und SP ist.»





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