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Nach 106 Tagen hinter Gittern sagt Pierin Vincenz: «Länge der Haft war völlig unverhältnismässig»

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Sass 106 Tage in U-Haft: Ex-Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz.

Der frühere Raiffeisen-Chef ist seit gestern Dienstag auf freiem Fuss. Er erholt sich mit seiner Frau Nadja Ceregato an einem geheimen Ort. In einem Communiqué gibt er sich kämpferisch.

Endlich: Nach 106 Tagen in U-Haft ist Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz (62) auf freiem Fuss. Gestern Morgen überbrachte ihm der Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel (54) die frohe Botschaft: Vincenz durfte seine Zelle auf dem Zürcher Kasernenareal bereits wenige Stunden später verlassen. Dies zeigen Recherchen von BLICK.

Am Mittwochmorgen lässt er ausrichten: «Was ich in den letzten Wochen erlebt habe, wünsche ich niemandem. Es geht mir den Umständen entsprechend gut und ich danke allen, die in dieser schwierigen Zeit zu mir stehen und mich unterstützen.»

Die Eröffnung des Strafverfahrens sei für ihn völlig überraschend gekommen. «Die Untersuchungshaft war aus meiner Sicht unnötig und ihre Länge völlig unverhältnismässig.»  Die Themenkreise des Verfahrens lägen Jahre zurück und seien bestens dokumentiert.

Seine Verhaftung Ende Februar hatte die Schweiz erschüttert. Vincenz gehörte zu den Grössen der Schweizer Wirtschaft, er hat bei Raiffeisen eine glänzende Karriere hingelegt, machte aus der einstigen Bauernbank den drittgrössten Finanzkonzern der Schweiz.

Und dann das: Eines morgens fuhr die Polizei in seiner Villa im Appenzellischen ein und nahm den mächtigen Ex-Banker mit. Später setzte ihn ein Haftrichter in Untersuchungshaft.

Vincenz verbrachte 62. Geburtstag in Haft

Seither verbrachte er 23 Stunden pro Tag eingesperrt in einer zehn Quadratmeter grossen Zelle. Bloss eine Stunde pro Tag durfte er auf den Hofgang. Sogar seinen 62. Geburtstag am 11. Mai musste Vincenz in der Zelle verbringen.

Das zehrt! Doch Vincenz ist ein Kämpfertyp. Und so wird er sich jetzt der schwierigen Aufgabe stellen, sich von der langen U-Haft zu erholen.

Vincenz möchte jetzt vor allem Ruhe – und Zeit mit seiner Gattin Nadja Ceregato (48). Sie hatte eine siebenwöchige Weiterbildung in Boston (USA) absolviert. Die beiden hatten sich während seiner U-Haft nur zwei Mal sehen können, und alle Briefe wurden von der Staatsanwaltschaft gelesen.

Ungewöhnlich lange U-Haft

Vincenz und Ceregato sind nun gemeinsam an einen geheimen Ort zur Erholung verreist. Was alles über ihn geschrieben wurde – Vincenz hat es nicht mitbekommen: Medienkonsum war ihm untersagt. Vielleicht wird er es nachlesen. Sicher ist: Vincenz wird vorläufig keine öffentlichen Aussagen machen.

Mit 106 Tagen war Vincenz aussergewöhnlich lange in U-Haft. Normalerweise dauert sie höchstens drei Monate. Doch die Richter hatten den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Verlängerung bewilligt. Seither wurde spekuliert, wie lange Vincenz noch wegen Verdunkelungsgefahr eingesperrt bleibt.

Auch Beat Stocker aus U-Haft entlassen

Der Vorwurf gegen Vincenz lautet auf ungetreue Geschäftsbesorgung. In seiner Zeit als Verwaltungsratspräsident beim Kreditkartenunternehmen Aduno soll er in den eigenen Sack gewirtschaftet haben. Konkret: Beim Kauf der Funktechnologiefirma Comtrain hatte sich Vincenz privat zuvor eingekauft. Als die Firma schliesslich von Aduno übernommen wurde, kassierte er mit. Die anderen Verwaltungsräte von Aduno wussten nichts davon.

Einzig der frühere Aduno-Chef Beat Stocker (58) war im Bild. Auch er hatte sich zuvor an Comtrain beteiligt. Stocker wurde gleichzeitig mit Vincenz verhaftet. Auch gegen ihn wird wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ermittelt, auch er wurde gestern aus der U-Haft entlassen.

Ein weiterer Verdachtsfall bezieht sich auf die Raiffeisen-Beiteiligung Investnet. Auch hier besteht der Verdacht, dass sich Vincenz und Stocker privat bereichert haben, als die Firma von Raiffeisen übernommen wurde. Und auch hier hatte der Raiffeisen-Verwaltungsrat lange keine Ahnung.

Als die Deals öffentlich ruchbar wurden, gab Raiffeisen bei renommierten Juristen mehrere Gutachten in Auftrag. Diese kamen zum Schluss, dass Vincenz zwar nicht die höchsten Standards bei den Regeln der guten Unternehmensführung eingehalten habe. Doch sie stellten keine strafrechtlich relevanten Verfehlungen fest.

 

Verfahren gegen Raiffeisen läuft noch

Vincenz konnte aber nur kurz aufatmen. Hartnäckig hielt sich der Verdacht, er habe sich widerrechtlich bereichert. Die Finanzmarktaufsicht Finma eröffnete letztes Jahr ein Aufsichtsverfahren gegen Vincenz und Raiffeisen. Davon war auch Vincenz‘ Frau Nadja Ceregato betroffen, die als Chefjuristin von Raiffeisen fungiert hatte. Nur durch seinen vollständigen Rückzug aus der Finanzwelt konnte Vincenz das Verfahren gegen ihn stoppen. Jenes gegen Raiffeisen läuft noch immer.

Doch als Aduno im Februar eine Strafanzeige gegen Vincenz und Stocker einreichte, kam es knüppeldick für die beiden. Die Raiffeisen-Gruppe geriet dadurch in die schlimmste Krise ihrer Geschichte. Fast der gesamte Verwaltungsrat wird ausgewechselt. Der heutige CEO Patrik Gisel (56) ist angeschlagen. Als langjährige Nummer 2 hinter Vincenz war er aber über alle wichtigen Deals informiert. Er bestreitet aber, etwas von illegalen Machenschaften gewusst zu haben. Auch Vincenz beharrt auf seiner Unschuld. Für ihn und Stocker gilt die Unschuldsvermutung.





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