Home News Pädagoge erklärt, wie man richtig mit Buben umgeht: «Rangeleien sollten als etwas...

Pädagoge erklärt, wie man richtig mit Buben umgeht: «Rangeleien sollten als etwas Sinnvolles gesehen werden»

9
0
SHARE

Buben haben in der Schule häufiger Schwierigkeiten als Mädchen. Der Pädagoge Reinhard Winter nimmt darum jetzt die Väter in die Pflicht.

Herr Winter, es sind vor allem Buben, die von der Schule ausgeschlossen werden. Warum?
Reinhard Winter: Buben, die von der Schule fliegen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Aber sie stehen für ein Phänomen: Es sind vor allem Jungs, die den Unterricht stören, Disziplinargeschichten haben, Hausaufgaben nicht machen.

Wo haperts?
Einfach gesagt: Menschen werden so, wie andere sie ­sehen. Das funktioniert im Positiven, aber auch umgekehrt. Ein Bub ist vorlaut, verhält sich unangebracht. Lehrer und Eltern erwarten, dass das nun immer wieder vorkommt. Der Bub wird sich dementsprechend verhalten. Da­raus ergibt sich eine fatale Misserfolgsspirale.

Also ist die Frage eher: Was ist los mit unseren Schulen?
Es passiert viel zu selten, dass interveniert wird, bevor diese Spirale in Gang kommt. Es fängt schon an, wenn missverstanden wird, dass für Buben auch Streit ein Weg ist, um mit Erwachsenen in Kontakt zu treten.

Wie ­meinen Sie das?
Ein Bub gibt beispielsweise eine freche Antwort. Damit sagt er: Ich will mit dir in Beziehung treten. Lehrer und Eltern sagen sich aber: Ich streite doch nicht mit dir. Ich bin hier der Chef. Die Beziehung bricht ab. Viele Jungs fühlen sich dadurch zurückgewiesen.

Sie nehmen auch die Väter in die Pflicht. Warum?
Mir fällt bei Vätern von schwierigen Jungs auf, dass sie oft Dinge sagen wie: In Mathe habe ich mich auch nie angestrengt, Schule fand ich blöd. Sie gehen damit mit ihren Söhnen auf die Kumpel-Ebene und werten die Schule ab.

Was raten Sie Vätern?
Sie müssen ihre Position überdenken. Sie sind keine Kumpel, sondern Helden für ihre Söhne in deren Kindheit. Sie können andere Geschichten erzählen, Heldengeschichten.

Heldengeschichten?
Zum Beispiel könnte der Vater erzählen: Ich habe auch immer gedacht, dass ich mich für ­Mathe nicht anstrengen muss, deswegen bin ich fast durchgefallen. Das war schlimm, weil meine Schulfreunde dann versetzt worden wären und ich hätte wiederholen müssen. Also habe ich mich angestrengt und es gerade noch geschafft.

Das reicht schon?
Nein, wichtig ist auch ihre Präsenz in der Schule. Also Elternabende besuchen, einen Kuchen backen für das Schulfest, sich von den Söhnen vorlesen lassen. Damit vermitteln sie: Schule und Lernen sind wichtig. Das macht es den Jungs leichter, sich in schulische Welten einzufügen.

Erträumen Sie mal die per­fekte Jungs-Schule!
Da bin ich vorsichtig. Es gibt so viele Buben. Und auch für Mädchen ist die Schule oft lästig, und sie sind nicht permanent glücklich. Aber es gibt Dinge, die es Jungs erleichtern würden.

Welche?
Wenn Bewegungsimpulse der Jungs nicht als etwas Störendes gesehen werden – was Buben nur im Turnen ausleben dürfen. Bewegung sollte in jede Unterrichtseinheit gehören. Der Unterricht sollte experimenteller werden. Werken, experimentieren, Tomaten züchten, mehr über das Handeln zu lernen. Ausserdem sollten Rangeleien nicht sofort als Gewalt abgetan, sondern als etwas Sinnvolles und sehr Soziales gesehen werden.

Sie haben ja auch einen Sohn. Gab es da auch Schwierigkeiten?
Selbstverständlich! Sehr viele. Da könnten Sie jetzt meinen Sohn fragen. Und ich habe als Vater auch viele Fehler gemacht.

Und was haben Sie daraus ­gelernt?
Es ist bei den Eltern wie auch bei den Buben: Scheitern gehört dazu. Das ist bei jeder Heldengeschichte so. Manchmal braucht es das Scheitern, um zu entdecken, was in einem steckt. So gesehen kann auch ein Time-out diese Chance bieten.





LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here